Endlich ein Museum für die Wiener Schule und den Phantastischen Realismus
Botschafter einer geheimnisvollen Welt
Das Phantastenmuseum am Josefsplatz ist zweifellos eine reizvolle Bereicherung der Wiener Museums-Landschaft und eine Bühne für ureigene österreichische Kunst des 20. Jahrhunderts. Man fragt sich, warum es ein solches Museum nicht schon längst gegeben hat. Ganz einfach, weil sich bisher – abgesehen von einigen wenigen Ausstellungen – noch niemand der Wiener Schule und dem Phantastischen Realismus angenommen hat, oder es gewagt hat, sich in einer Zeit radikaler Gegenwartskunst altmeisterlich arbeitenden Malern ernsthaft anzunehmen.
Kurator Gerhard Habarta, u.a. Redakteur des Lexikons der phantastischen Künstler, hatte den Mut, nun in den mit Kultur getränkten Räumen des Palais Palffy – einem zentralen Ort; das Palais liegt an einem der Hauptströme kulturinteressierter Wienbesucher zwischen Hofreitschule und Albertina – diesen Künstlern den ihnen gebührenden Rahmen zu geben.
Am 15. Jänner 2011 wurde das Phantastenmuseum eröffnet, mit dem Schwerpunkt auf noch lebende Vertreter der beiden Richtungen wie Aric Brauer und Ernst Fuchs. In der Zwischenzeit gab es bereits einige bemerkenswerte Sonderausstellungen (Im Anhang wird regelmäßig darüber berichtet). Alle diese Künstler zählen im weiteren Sinn zu den Phantasten, zu den Botschaftern einer geheimnisvollen Welt, die sie bereits betreten haben und zu der sie dem Betrachter in ihren Bildern die Tür gerade so weit öffnen, dass jedermann mit Vergnügen eintreten kann.
Bilder anklicken zum Vergrößern
r.g.o.: Kurt Regschek, „St. Stephan“, 1993
l.o.: Christian Flora, Burlesque, 2009
r.o.: Ansicht Phantastenmuseum
r.: Kurt Ingerl, Gegürtete, ca. 1992
g.l.: Fritz Aigner, Saure Gurkenzeit, 1971
l.r.: Gerhard Habarta l.u.: Ausst.ansicht
r.u.: Rudolf Hausner, Adam massiv. 1969
Titels.: Plakat, 3. Pintorarium-Aktion München 1967
Lukáš KÁNDL, ein internationaler Surrealist im Phantastenmuseum
Die vielen Ebenen der Wirklichkeit
„Prag ist eine phantastische Stadt“, ist die Antwort von Lukáš Kándl auf die Frage, was ihn als Künstler zum phantastischen Realismus geführt hat, „mit Arcimboldo und Rudolf II.“ Kándl hat das große manieristische Erbe aufgenommen und setzt es in seinen Bildern fort. Keine Wirklichkeit hält das, was sie auf den ersten Blick zu sein scheint, auch nicht die des in Prag geborenen Lukáš Kándl, der hinter jeder Offensichtlichkeit eine zweite und dritte Ebene seiner Realität eingezogen hat.
Der Künstler lebt und arbeitet in Frankreich, genauer gesagt im Burgund und erfreut sich dort an einer Lebensart, wie sie nur eine Gegend schaffen kann, die Wein und Kultur auf so vollendete Weise verbindet wie diese von großer europäischer Geschichte getränkte Region im Südosten Frankreichs. Nirgendwo sonst bietet die Romanik eine solche Fülle an phantastischem Surrealismus wie die Säulenkapitelle der tausend Jahre alten Kirchen Burgunds.
Kándl lässt den Betrachter freie Hand, sich den eigenen Reim auf seine Bilder zu machen, auf seine Kompositionen aus Traum, Magie, Bibel und Esoterik. Das sind die Zutaten, gewürzt mit Erotik. Die bewahrungswürdige Perle, die Seifenblase, die jederzeit platzen kann, und der verhängnisvolle Paradiesapfel sind auf seinen Bildern nicht nur immer wiederkehrende Motive. Sie sind im Grund eins, die Metapher auf eine Seligkeit, die allzu leicht verspielt werden kann, oder die wie im Bild mit Gepard und Vöglein gefährlich auf dem Spiel steht.
Die Bilder von Kándl zeichnet durchwegs hohe technische Perfektion aus. Sein Malen ist ein kompromissloses Bekenntnis zur Gegenständlichkeit, die einer Kunst des Konzeptionellen einfach großes Können entgegen setzt. Er hat Gleichgesinnte gefunden und in der Gruppe „Libellule“ vereinigt, ohne deren Mitglieder aber gleichschalten zu wollen. Poesie ist individuell und die eigentliche Realität, die aber erst zur Wirklichkeit wird, wenn sie uns die Welt durch den Spiegel des Unwirklichen zeigt.
An sich sind die meisten Künstler Individualisten, sehr oft Einzelgänger, die sich nur schwer mit einer Gruppe identifizieren können und sich ungern ein Etikett verpassen lassen. Trotzdem gelingt fallweise das Kunststück, verschiedenste kreative Charaktere unter einen Hut zu bringen. Die Society for Art of Imagination ist so besehen die Quadratur des Kreises. 400 Künstler aus 24 Nationen bilden ein phantastisches, weltumspannendes Netzwerk. 58 Mitglieder dieser Gruppe beteiligen sich an der Ausstellung im Phantasten Museum und etliche von ihnen sind sogar persönlich zur Vernissage angereist.
Bilder zum Vergrößern anklicken
l.g.o.: Jürgen Geier, Duyfken, Deutschland
l.o.l.: Diana Hesketh, ein Mitglied der ersten Stunde
l.o.r.: Pikante Applikation auf der Jacke von Diana Hesketh
l.u.: Lilia Mazurkevitch, Meaning of Significance, Ukraine
r.o.: Diana Hesketh versucht Gerhard Habarta eine Auszeichung der Society for Art of Imgaination um den Hals zu legen
r.u.: Jack Ray, Klimt Girl, UK
Leiste: Brigid Marlin, Gründerin der Society for Art of Imagination
Titel: Graszka Paulska, Hot Summer Evening, Polen
Als Gründerin der Vereinigung kann Brigid Marlin bezeichnet werden. Sie war als junge Frau aus den USA nach England gekommen. Mitgebracht hatte sie aus Übersee die Begeisterung für bildnerische Kunst und empfand ihre neue Heimat diesbezüglich als Wüste. Um der kreativen Einsamkeit zu entgehen, suchte sie auf der Insel Kontakt zu anderen, ähnlich gelagerten Künstlern. Mit Diana Hesketh, Peter Holland, Jack Ray und Steve Snell gründete sie 1960 die „Inscape Group“, eine erste Vereinigung, die sehr bald zu wachsen begann und 1972 bereits als „Inscape International“ auftreten konnte.
Entscheidend war, so erzählt Brigid Marlin, der Besuch einer Ausstellung von Ernst Fuchs in Paris. Sie war damals gerade 18 Jahre alt und war elektrisiert von der Malerei dieses großen Phantasten. Sie suchte den Kontakt zum Meister. Einige Jahre später, sie war bereits verheiratet und verdiente durch Bodypainting gutes Geld, erwirkte sie einen Studienaufenthalt in Wien. Ihre Augen leuchten, wenn sie darüber erzählt: „I studied with Ernst Fuchs. He told me, that I am one of his best students.“ Sie hatte also seine Anerkennung gewonnen und trägt diese zu Recht wie einen Orden seither mit sich, und selbstverständlich war Prof. Ernst Fuchs auch bei der Eröffnung der Ausstellung in Wien dabei.
Es waren seinerzeit lediglich zwei Wochen, in denen sie ihre Kinder einer Au Pair anvertrauen konnte. In dieser extrem kurzen Zeit erlernte sie die Mischtechnik, „the fine painting“, wie Brigid Marlin es nennt und infizierte damit die Mitglieder ihrer Gruppe. Sie brachte sie später mit zu einem Sommerseminar in Reichenau an der Rax, bei dem Künstler aus aller Welt mit Ernst Fuchs ihre Ideen austauschten und Anregungen für ihre Arbeit mit nach Hause nahmen, vollgetankt mit der Inspiration, die das idyllische Semmeringgebiet seit jeher Künstlern aller Sparten vermittelt.
Marlin erinnert sich, wie die Gruppe während dieser sieben Jahre gewachsen ist. Jeder der Maler brachte neue Interessenten mit, die wiederum im Jahr darauf neue Teilnehmer dafür begeistert hatten. „Inscape International“ hatte Mitglieder aus Paris, Holland, Schweden, Tokio, den USA und Kanada. Im Laufe der Zeit kamen Großausstellungen zustande, wie 1994 „Du Fantastique au Visionaire“ in Venedig, Wanderausstellungen oder 2005 ein „Grand Festival der Phantastischen Kunst“ in Lauderdale House in London – und 2012 im Phantasten Museum in Wien (bis 29.04.2012).
Eduard Diem: Monographie und Ausstellung im Phantastenmuseum
Vorausschau auf ein Lebenswerk
Nichts ist ihm tiefer zuwider, als sich zu wiederholen, in ein Gleis zu geraten, auf dem ein Künstler den Rest seines Lebens bequem dahin fährt. Der eher schmächtige Mann, er ist an die 80, wirkt nach außen hin bescheiden, spricht mit leiser und angenehmer Stimme. Seine enorme kreative Energie ist ihm kaum anzusehen. Aber man braucht nur auf seine Arbeiten zu blicken, und auf das Feuer in seinen Augen, wenn er eine seiner Skulpturen hochhebt, um deren Geheimnisse zu offenbaren, dann ist sie da, die künstlerische Kraft, die Eduard Diem ein gewaltiges, ungeheuer vielschichtiges Werk ermöglicht hat.
Bilder zum Vergrößern anklicken
Ein Ergebnis dieser langen Freundschaft ist die Monographie, die Gerhard Habarta für Eduard Diem herausgegeben hat. Dazu staunend lächelnd der Künstler: „Da steht alles über mich drin, mehr als ich selber bisher über mich gewusst habe.“ Habarta gibt zu: „Ich machte dieses Buch in der Hoffnung, ihn (Diem) irgendwann kennen zu lernen, das heißt, sein Werk in seiner ganzen Vielfalt.“ Das Schöne an dem Buch: Es ist ein Zwischenbericht. Bei Eduard Diem weiß man nie, in welche Richtung ihn seine Kunst und jugendliche Schaffenskraft morgen, was heißt morgen, heute Nachmittag noch treiben wird.
Seine Arbeiten wollen verunsichern, mit jedem neuen Blick den bereits gefassten Gedanken verwerfen lassen. Sie haben daher alle miteinander keinen Titel. Den muss sich der Betrachter selber erdenken. Auf einer Seite Mann, auf der anderen Frau, in den Schalen der Ohren Kinder, die auf dem Foto nach vorne drängen, oder ein Gesicht, dessen Augen zwei Ratten sind, und die Schöne, der man nahetreten sollte, um zu sehen, dass es sich um drei bärtige Näschen und damit lediglich um eine ironische Collage über die Lächerlichkeit der High Society handelt – könnte so gemeint sein, muss aber nicht. Je länger man davor steht, umso mehr Facetten wird man in seinen Werken entdecken.
„Am liebsten hätte ich ihnen das Eintrittsgeld nachgeworfen“, gesteht Diem in aller Freundlichkeit, wenn er über seine Beobachtungen des Kunstpublikums erzählt. Es stört ihn ungeheuer, wenn sich jemand nicht Zeit nimmt, um ein Bild eingehend zu schauen, um in dessen Universum einzutreten, „wenn sie stattdessen herumgehen, einen flüchtigen Blick darauf werfen und schon wieder dahin sind und ein vorschnelles Urteil abgeben.“ Damit meint er nicht nur seine eigenen Vernissagen, sondern auch Großausstellungen beispielsweise von Henry Moore und Salvador Dalí, die er gemeinsam mit Gerhard Habarta, dem Kustos des Phantastenmuseums, für Wien organisiert hat.
Andreas N. Franz geht dem Wesen der Kunst auf den Grund
Viel entdecken,
nicht alles verstehen
„Vielleicht existieren die Bilder schon bevor sie gemalt in Erscheinung treten, vom Künstler ans Licht befördert, um wahrgenommen sich wieder im Inneren unkontrolliert zu ihrer weiteren Bestimmung zu entfalten“, sagt Andreas N. Franz über den Weg seiner Inspiration. Er rührt damit an den Urgründen jeder Kunstfindung. Ist der Künstler das selbstbestimmte kreative Genie oder nur Werkzeug, Handlanger eines Bestehenden, der sich selber dankbar über Ideen wundert, die ihm sein Schaffen ermöglichen?
Bilder zum Vergrößern anklicken
l.g.o.: Cadiz 2010
l.o.: Pfau - Sein 2010/11, Detail mit der Hand des Künstlers
l.u.: Angelehnt 2009/10 mit Andreas N. Franz
r.: Rücksicht 2009
In gewissem Sinn gibt Franz die Antwort selbst, wenn er seine Malerei beschreibt: „Viel entdecken, nur wenig verstehen.“ Das gilt auch für ihn selber, dessen Bilder mit einer Fülle an Andeutungen und Symbolen den Betrachter verwirren. Tiere spielen eine besonders wichtige Rolle, immer wieder im Zusammenspiel mit energievollen Frauenkörpern und mit Architektur, in der sich seine Traumwelten manifestieren, als Bestätigung seines Credos: „Wo die Worte aufhören, fängt die Malerei an.“
Zu vielen seiner Bilder bietet der Deutsche Maler Andreas N. Franz (* 1956 in Stuttgart) eine Interpretation; nachzulesen u.a. im feinen Katalog, der zu seiner Ausstellung im Phantasten Museum Wien erschienen ist. So schreibt er zu einem ihm wichtig erscheinenden Gemälde (Angelehnt, 2009/10): „Das Vielschichtige unserer Wahrnehmung ist auch durch die Zerbrechlichkeit der sich durchdringenden und kippenden Räume dargestellt. Lieb und bedrohlich wie ein religiöses Bild, diesseits und jenseits, oben, unten, nichts ist wie es scheint im Spiegel der Venus.“
Florian Aigner ist Bildhauer. Seine Arbeiten sind unverkennbar: schmale hohe Köpfe, die mit eigentümlicher Arroganz am Betrachter vorbei schauen, ganz so, als kämen sie von einer anderen Welt und man hätte sie gegen ihren Willen auf einem Sockel fixiert, oder stellvertretend dafür und nur für sich allein dastehend Auge, Ohr und Nase, oder eine Kröte mit einem männlichen Menschengesicht. „Wie man sich fühlt“ ist ihr Titel, der schon zu mancherlei Kontroversen über die Befindlichkeit von Männern geführt hat.
Bilder zm Vergrößern anklicken
l.g.o.: vorne Florian Aigner, Alter Mann, Bronze 2007, hinten Zorica Aigner, Step by Step, Acryl auf Holz, 2010
l.o.: Florian Aigner, Wie man sich fühlt, Bronze 2008
l.u.l.: Florian Aigner, Ohr, Marmor 2008
l.u.r.: Florian Aigner, Nase, Marmor 2008
r.: Zorica Aigner, Zwangsengel, Acryl auf Holz, 2011
l.g.u.: Zorica Aigner, Mein Name ist Luzifer..., Acryl 2011
Leiste: Zorica und Florian Aigner im Phantastenmuseum Wien
Titel: Zorica Aigner, Sündenbock, Acryl auf Leinwand 2011
„Ich habe noch einige Märchen in meinem Keller, die aber kein Dorn im Auge sind“, sagt sie und wird diese schon in nächster Zeit herauf holen müssen. Den Grund dafür verrät „Zum Trotz der Zeit“. Darauf stakt ein Storch über ausgetrocknete Erde. Verwundert schaut er sich um, als hinter ihm aus dem Wüstenboden zweifaches Leben aufbricht, das mit seinem Licht die düstere Stimmung des Bildes erhellt. Zorica ist schwanger, mit Zwillingen! denen sie mit dieser Arbeit wohl das schönste Willkommen geschaffen hat.
Der Künstler liebt solche Diskussionen. Er will anregen, sein Schaffen nicht nur als gegeben zu betrachten, sondern sich damit auseinander zu setzen. Ausgefeilte Technik und formale Perfektion machen es dem Gegenüber leicht, sich beispielsweise bei seinen Tonfiguren in die Gedankenwelt dieser Geschöpfe zu vertiefen oder bei den Marmorskulpturen die vollendeten „Bruchstücke“ im Kopf fertig zu denken, ähnlich wie bei antiken Statuen, aus denen über die Jahrtausende Stücke herausgebrochen sind, und die dennoch ein Ganzes sind.
Seine Frau Zorica ist Malerin. Sie erzählt mit ihren Bildern Geschichten, die sich der „Zuhörer“ immer wieder neu auslegen kann. So entsprangen ihrer Phantasie ganz neue Gattungen seltsamer Engel. „Mein Name ist Luzifer und ich weiß von nichts“ beteuert am verschlossenen Himmelstor mit treuherzigem Blick ein Schimpanse, der sich zum heiligen Schein ein Paar Flügel umgebunden hat. Der Zwangsengel ist gar ein Rabe, der sich als untaugliches Täuschungsmanöver weiße Flügerl und einen Heiligenschein zugelegt hat. Er steht für das Böse, das sich auf den Schlachtfeldern im Bürgerkrieg ihres Geburtslandes Jugoslawien abgespielt hat.
Mit ihr als Malerin hat die an sich umfassende oberösterreichische Künstlerfamilie Aigner bereits Verstärkung erfahren und wird nun durch gleich doppelten Nachwuchs noch einmal kräftig erweitert. Florian und Zorica Aigner fühlen sich als eine Künstler- und Lebensgemeinschaft, arbeiten aber getrennt und ohne sich gegenseitig dreinzureden. 2007 haben sie erstmals in der Galerie Hofkabinett in Linz gemeinsam ausgestellt. Seit einigen Jahren leben und arbeiten sie in Wien. Ihr Auftritt im Phantastenmuseum (bis 19. Februar 2012) ist ein gelungenes Beispiel für den künstlerischen Paarlauf der beiden, da ihre grundverschiedenen Arbeiten nicht nur nebeneinander (be)stehen, sondern sich in seltener Harmonie zu einer Ausstellung ergänzen.
Nikolaus Neureiter mit Fotos von Künstlern und dem Museum
Phantastischer Photograph
Ein Spätberufener! Oder doch nicht, denn Nikolaus Neureiter war schon immer von der Fotografie angezogen gewesen. Den Beruf des Fotografen hat er allerdings erst mit 40 ergriffen, mit einer Lehre bei Christian Hinterndorfer in Blindenmarkt. Nach dem erfolgreichen Abschluss 2009 wird demnächst die Meisterprüfung abgelegt werden. Einer erfolgreichen Karriere als gewerblicher Fotograf steht als nichts mehr im Wege.
Das alles sagt aber wenig über das künstlerische Potential, das in diesem handwerklich best ausgebildeten Fotografen steckt. Eine Begegnung mit Ernst Fuchs im Jahr 2007 war einer der Wendepunkte, die Nikolaus Neureiter direkt in die Kunst geführt haben, und zwar in die Welt der Phantasten, die seine Arbeit intensiv beeinflusst und prägt, wenngleich sich seine Technik von den anderen unterscheidet, denn er schafft seine Werke nicht mit dem Pinsel, sondern mit der Kamera.
Neureiter erinnert sich, dass er an der Kirchentür von St. Egid in Klagenfurt dem Meister begegnet ist und vom ihm eingeladen wurde, ihm bei der Arbeit an der Apokalypse zuzusehen. Aus diesem Treffen ist eine innige Verbindung der beiden Künstler geworden, die zu einer Serie eindrucksvoller Porträts von Ernst Fuchs geführt hat und zu vielen persönlichen Begegnungen mit anderen Großen des Phantastischen Realismus wie beispielsweise Anton Lehmden, der über Neureiter gesagt hat: „Ich habe noch nie einen so eleganten und höflichen Fotografen gesehen."
Schwarz-Weiß ist eines der wesentlichen Ausdrucksmittel in der Art-Portrait von Nikolaus Neureiter. Es erlaubt den intensiven Einsatz von natürlichem und spontanem Licht:
Ein Fenster, durch das Tageshelle das Gesicht von Ernst Fuchs im Dunkel des Raumes abzeichnet, ein Spot, der auf Künstler und Bild strahlt, und Agnes Husslein als dessen bewundernde Gesprächspartnerin in den Schatten stellt, oder das Raumlicht des Unteren Belvedere auf einem Gruppenbild der Phantastischen Realisten, die ihn nun mit einer Ausstellung im PhantastenMuseum im Palais Palffy in ihre Reihen aufgenommen haben.
Gerd Bannuscher: Phantastischer Botschafter aus dem Norden
Weltweisheit im Gesicht eines Affen
Immer wieder ist es das Wasser des Meeres, in seinem Fall der Nordsee, das Gerd Bannuscher mit seinen Bildern überall in die Welt hin begleitet. Darüber verliert sich ein dramatischer Himmel in der Unendlichkeit. Das ist die Kulisse, in der sich seine Gedanken und Anliegen abspielen. Hauptakteur ist immer wieder ein Affe, der den Blick an sich zieht und in dessen Gesicht die Antwort auf die vom Künstler in seinen Bildern aufgeworfenen Fragen zu suchen ist.
Bilder zum Vergrößern anklicken
Panorama: Am Meer 7 2009
r.o.: Das Band der Evolution 2009
r.: Oma Sievers 1991
l.o.l.: Romina 2007
l.o.r.: Die Reise 2011
l.u.&Titelseite: Gerd Bannuscher im PhantastenMuseum Wien am 3.12.2011
Leiste: Die Tiefe der Illusion
Irmgard Heyd, sie hat die Einführung zu seinem Katalog für die Ausstellung im PhantastenMuseum Wien verfasst, bezeichnet Bannuschers Kunst als Übersetzung der Wirklichkeit ins Poetische. Empfindungstiefe wird sichtbar gemacht, emotionale Intensität, Illusion und Melancholie, aber zugleich eine über den ästhetischen Anspruch hinausgehende politisch soziale Lebensauffassung und ein im Grunde positives Denken.
Bannuscher, er lebt und arbeitet in Schleswig Holstein, malt gegenständlich, exakt bis ins kleinste Detail, jeder Wasserkringel, jeder Stein, jedes Haar und jede Falte sind liebevoll ausgeführt. Aber er verwischt die Grenzen zwischen realer Welt und Fantasie, zum Beispiel mit einer Kerze, die auf einem Brettchen in der Gischt treibt und wundersamer Weise trotzdem noch brennt.
Dazwischen sind Porträts entstanden. Seine Großmutter war damals 88 Jahre alt, als er sie an ihrem Lieblingsplatz am Fenster gemalt hat. Das Tageslicht vertieft ihre Züge, die mit wachem Blick die Geschichte eines ganzen schweren Jahrhunderts erzählen. Sie selbst, fügt Gerd Bannuscher leise dazu, durfte die Fertigstellung des Bildes nicht mehr erleben.
Vladimir Lubarov, ein Star der russischen Malerei, im PhantastenMuseum
Ein kleines Dorf im weiten Russland
Es gibt bereits drei Dokumentarfilme, die über ihn gedreht wurden, seine Werke wurden vom Staatlichen Russischen Museum, der Staatlichen Tretjakow-Galerie und vielen anderen öffentlichen und privaten Sammlungen in Europa und Amerika erworben. Vladimir Lubarov (Moskau 1944*) ist bescheiden geblieben, ganz so, als wäre ihm seine Bekanntheit selber nicht bekannt, als wäre er Teil von Peremilovo. So heißt das Dorf, in das es 1991 den eingefleischten Stadtmenschen verschlagen hat.
Bilder zum Vergrößern anklicken
r.g.o.: Vier Mädchen gehen tanzen 2010
r.o.: Vladimir Lubarov vor dem Bild Sich mit Kvas vollgetrunken 2009
r.u.: Abendzeitung 2011
l.o.: Wassermelonenkerne 2009
l.u.l.: Lisa träumt vom Abnehmen 2009
l.u.r.: Jüdische Hochzeit 2010
Leiste: Blauer Traum 2010
Titel: Kolya bläst Rauchringe 2011
Vor seinem Exodus aus der Metropole war Vladimir Lubarov 30 Jahre lang erfolgreicher Buchillustrator und Designer. Lubarov sagt selber, dass für die Wahl dieses Berufes nicht nur die Liebe zu den Büchern ausschlaggebend war. Wesentlich war die Tatsache, dass in den 1960er und 70er Jahren Buchillustration eine kleine kreative und intellektuelle Oase inmitten der sowjetischen Kultur mit ihrer ideologischen Zensur war. Künstler konnten sich darin frei fühlen, wenn sie es wie Lubarov verstanden, mit ihrer Sicht der Dinge das gedruckte Wort zwischen den Zeilen zu ergänzen.
In der kleinräumigen Idylle von Peremilovo schlug Lubarov eine über Jahrhunderte angesammelte Energie in ihren Bann. Es entstand der Folklore-Zyklus zu „Russischen Sprichwörtern“, „Russischen Rätseln“ und „Redewendungen“ und ein Zyklus zum Dorfleben selber. Über diese Bilder sagt Wladimir Woinowitsch, ein in München lebender Dissident und Autor, dass ein märchenhafter, fantastischer Zauber über ihnen liegt. Vladimir Lubarov sei verliebt in seine leicht ungeschlachten Hauptdarsteller wie die Mädchen, die zum Tanzen gehen, oder die dicke Lisa, die vom Abnehmen träumt.
Man könnte diese Bilder tatsächlich als gekonnt naive Darstellung eines ländlichen, vom Zaren verschonten, vom Kommunismus vergessenen und von der Perestroika ignorierten Stücks Russland sehen. Lubarov dürfte seine Heimat aber zu sehr lieben, um es bei diesem Eindruck belassen zu wollen. Seine Bilder, so rustikal sie sich nach außen hin geben, sind und bleiben der überhebliche, im Grunde aber unbestechliche Blick des Großstädters auf ein ärmliches Landleben, das auch eine Nixe und der Hut Marke Krautkopf nicht mondäner machen.
Die Aufhebung der Macht der Schwerkraft (bis 27.11.2011)
Bilder zum Vergrößern anklicken
l.o.: Ständiger Begleiter (Detail) 2008
r.: Heimliches Herrscherpaar (Detail) 1982
Leiste: Der bewegte Mensch (Detail) 2011
In den Werken von Zademack vereinigen sich alle diese Aspekte zu einem durchaus sehenswerten Ausflug in eine phantastische Welt des sanften Schauderns. Er bedient sich einer vielschichtigen Symbolsprache, die mit eigenen Kreationen bereichert wurde, vor allem mit den Gewichten, die seinen Gestalten die Leichtigkeit nehmen, mit denen der Mensch die Schwerkraft überwinden könnte.
Siegfried Zademack
Bilder in brillanter Maltechnik, orientiert an den Meistern der italienischen Renaissance und im Inhalt vom Surrealismus geprägt, so umreißt DDr. Wolfgang Griese das Werk von Siegfried Zademack (Bremen, 1952*). Der Künstler selbst bezeichnet sich als kritische Mischung aus perfektionistischem Arbeiter, bzw. Handwerker und hysterischer Kreativität.
Jehan Calvus bis 6. November 2011 im PhantastenMuseum Wien
An der Wurzel der Groteske
oder
die Renaissance des Phantastischen
Einem griechischen Maler namens Apellius (Appelles, Apelle) hat Jehan Calvus eines seiner Schlüsselwerke gewidmet. Es handelt sich dabei um eine Arche Noah der Malerei. Sie besteht aus 22 einzelnen Tafeln mit Bildern, die teils an klassische Meister und in einigen Fällen auch an Künstler wie Picasso oder Malewitsch erinnern. Sie verbinden die Gegenwart mit dem Altertum, ähnlich dem Gedanken der Renaissance, die uns die klassische Antike in ihrer Weise weitergegeben hat.
Calvus selbst, ein in Siebenbürgen geborener Künstler, hat sich in seinem Werk diesem Rückblick, einer zeitgenössischen Renaissance verschrieben. Es wird beherrscht von Visionen, Labyrinthen und phantastischen Gestalten, ausgeführt in altmeisterlicher Technik und präsentiert zusammen mit pantomimischen Historienspielen des vielseitigen Künstlers. So ist er neben seiner Berufung zum phantastischen Maler auch Philosoph und Puppenspieler.
Bilder zum Vergrößern anklicken
l.o., l.u.: Details aus der Serie Labyrinthe
r.: Komposition aus 22 Bildern (Apelles)
l.o.: Die Vision des Don Graziano Barocco
l.u.Leiste: Jehan Calvus
r.: Gryllos und Doppelwesen
r.u.: Verinnerlichung
Titel: Schlussbemerkung
Seinen Bildern hat Calvus im Katalog stets eine Gebrauchsanweisung mitgegeben; zu fremd sind uns die Begriffe, die zur malerischen Komposition seiner Philosophien geführt haben. Wer von uns weiß denn schon, was beispielsweise ein Gryllos ist!? Es handelt sich um einen Kopffüßler, der bis ins Mittelalter als Realität angenommen wurde (siehe Schedelsche Weltchronik aus 1493, in der solche Wesen noch ernstlich unbekannte Teile unserer Erde bevölkert haben), seine Herkunft mit großer Wahrscheinlichkeit aber bei einem Maler des alten Ägypten (Antiphilos, 4. Jh. v. Chr.) zu suchen ist.
Es könnte sich dabei um eine satirische Darstellung reiner Kopfmenschen gehandelt haben. Calvus erscheint dafür jedoch der Begriff Karikatur, das Lächerlich machen, nicht angebracht. Er spricht von erhabener Groteske. Calvus: „Ich habe stets viele solche Figuren gezeichnet. Das Groteske hat mich immer stark angezogen, vielleicht deswegen, weil ich darin Optimismus und ein wenig Weltverachtung erlebe.“
Er war Meisterschüler von Anton Lehmden, dem großen Phantastischen Realisten. Kurt Welther selbst ist sein Leben lang dem Realismus, der Gegenständlichkeit treu geblieben, und er war und ist damit erfolgreich. Seine Bilder wurden in der ganzen Welt (u.a. Peking, Mexiko City, Istanbul und Ankara) gezeigt und vor allem gekauft – ein Umstand, der letztlich den Wert eines Künstlers bemisst und ihm den entsprechenden Stellenwert verschafft.
Siesta, 1993
Kurt Welther
Vielleicht waren es seine phantastischen Wurzeln, die ihm nach 2010 neuerlich eine Ausstellung im Palais Palffy, dem Museum der Phantasten in Wien, beschert haben. Jedenfalls sind seine Bilder Darstellungen einer Wirklichkeit, die durch seine Augen gefiltert den Betrachter auf besondere Weise berührt und entführt. Sie sind Reisen mit den Augen durch seine Welt, die der 1957 in Bad Vöslau (NÖ) geborene Künstler auf eindringliche Weise wiedergibt.
Museums Galerie Phantasten Museum Wien: Leon Ariev
Spuren durch die Zeit
Ausgewandert ist er aus der Sowjetunion, sagt Leon Ariev, der heute in Hannover lebt und wirkt. Gemeint ist die heutige Ukraine. Geboren wurde er in Tschuguew, einer Kleinstadt, aber mit großer Tradition. So war sie auch die Heimatstadt des großen Kunstmalers Ilja Jefimowitsch Repin. Es besteht sogar eine entfernte Verwandtschaft zu diesem Giganten der russischen Kunst, die auf den jungen Leon gerade so wie die künstlerische Vergangenheit seiner eigenen Familie inspirierend gewirkt hat.
Seine ausdrucksstarken Bilder sind Kompositionen aus Metaphern und Symbolen. Jedes für sich ist eine Predigt, die der Betrachter zu lesen versuchen sollte. Der Schlüssel für den Zugang liegt im eigenen Unbewussten, in Archetypen und den davon hervorgerufenen Assoziationen. Wertvolle Hilfe zum Verständnis bieten auch die Gedanken, die der Künstler selbst im Katalog den Bildern beigefügt hat.
Eine bauchige Spirale als Sinnbild des Lebens, die sich im strahlenden Licht verliert, ein Kund, das Seifenblasen aufsteigen lässt, betende Hände und darüber Grimassen und Fratzen sind die zentralen Motive von „Spuren durch die Zeit“. Ariev erzählt darin die Geschichte unseres Lebensweges, auf dem wir Stunde um Stunde vor der Wahl stehen, welchen Weg wir einschlagen werden und wohin er uns führt.
Bilder anklicken zum Vergrößern
r.g.o.: Gib uns die Kraft
l.o.: Die Erzeugung und die Geburt der Goldenen Zeit
l.u.: Die Femida (Detail)
r.o.: Der Weg und die Wahl (Detail)
r.u.: Leon Ariev bei der Eröffnung seiner Ausstellung im Phantasten Museum
Leiste: Die Befreiung und Krönung des Traums (Detail)
Titelseite: Karawane der Träume (Detail)
Zu sehen sind die Arbeiten von Leon Ariev noch bis 1. Oktober 2011 in der Museums Galerie des Phantasten Museums in Wien. An diesem Tag wird eben dort in der Palais Galerie die Ausstellung mit Kurt Welther eröffnet. Bis 2:00 Uhr früh werden im Rahmen der ORF-Langen Nacht der Museen spezielle Attraktionen und Begegnungen mit (in jeder Beziehung) phantastischen Künstlern geboten.
Die Bruchlinien der Wirklichkeit haben den geborenen Tschechen Peter Gric von den ersten Anfängen seines Künstlerdaseins fasziniert. Zu Zeiten, als Gegenständlichkeit in der Malerei als Todsünde galt, hat er sich dem phantatischen Realismus verschrieben und ist ihm bis heute treu geblieben.
Bereits anfang der 1990er Jahre begann er, für seine Arbeit die Möglichkeiten der Computergrafik zu erschließen. Anstatt mit Bleistift und Skizzenblock entwarf er seine Bildkompositionen auf dem PC, schuf also eine virtuelle Realität, die er schließlich in die Malerei transferierte.
l.g.o.: Peter Gric vor Mittelschiff II (2006)
l.o.: Sphäre II (2006)
r.: Gynold IV (2011)
Leiste: Verwandlung (Engel bzw. Dämon) III (2006)
So werden seine "Künstlichen Räume" in einem eigenen virtuellen Baukastensystem entworfen, oft unter Anwendung mathematischer und alogarithmischer Konzepte. Komplexe Perspektiven und Raumdimensionen öffnen dem Betrachter nicht begehbare Orte, die scheinbar nur der Künstler selbst betreten, ertasten und befühlen kann.
Desgleichen wird bei ihm der Mensch zu einem Wesen mineralischer oder technoider Struktur. Die Figuren der "Mnemosyne-Serie" werden hierbei oft stark aufgelöst und fragmentiert. Die erotische Komponente wird jedoch bewusst erhalten. Der Blick wird angezogen und erlebt irritierende Einblicke in den Menschen an sich, besser gesagt, in dessen phantastisch-surrelae Natur, die von Peter Gric in seinen Bildern bloßlegt wird.
Bilder, die Geschichten aus dem Unbewussten erzählen
Die junge Fledermaus, die von der Künstlerin gerettet und am Bauch getreichelt wurde, das Kind, das nach seiner Mutter, die im Himmel ist, schreit, weite Landschaften, die weit hinab ins Unbewusste führen, das sind die Geschichten auf den Bildern von Pari Ravan, einer französischen Künstlerin.
Vertraut ist Pari Ravan mit der Psychoanalyse von C.G. Jung und hat in dessen Sinne mit den Menschen gearbeitet. Dazu kommt eine Begeisterung für den Wein, der in den Weingärten wächst, die von ihr und ihrem Mann auf sonningen Hängen an der Côte d´Azur gedeiht.
Alles zusammen ergibt diese Welt, die derzeit im Phantastenmuseum im Palais Palffy in Wien (bis 31. Juli 2011) unter dem Titel Traumreisen zu durchwandern ist.
Sonderausstellung im Phantastenmuseum: Jo und Hans Niklaus
nicht mehr aktuell
Die Wirklichkeit
des Scheinens
Beide Maler, sowohl Jo Niklaus als auch ihr Mann Hans, haben sich der phantastischen Malerei verschrieben. Sie wollen und können zeigen, dass ernsthafte Malerei auch in unseren Tagen kunstvoll sein kann, technisch hochstehend und anziehend für den Blick. Das heißt keineswegs, dass die beiden deutschen Künstler Schönmaler sind. Ihre Bilder sind fordernd, vielschichtig, angelegt auf vielen Ebenen der Wirklichkeit. Aber man folgt ihnen gern in die von ihnen angelegten Labyrinthe, ohne Angst vor böser Täuschung, denn die Bilder haben Grund, festen Grund, auf dem sich solide Gedankengebäude aufbauen.
Die „Große Conusspirale“ war ein Glücksfund, erzählt Hans Niklaus. Es handelt sich um den Rest eines Schneckenhauses, das er beim Schnorcheln in der Lagune eines Korallenriffs entdeckt hatte. Sie ist ein wichtiges Motiv, wenn nicht heimliches Zentrum seiner Malerei, die sich zum großen Teil um Conchylien, also Muscheln und Schneckenhäuser, dreht. Mit ihnen erzählt er über seine Welt, in tausendfachen Nuancen der Farben, wie sie im Perlmutt spielen, oder im Formenreichtum, den ihm die Natur mit Cassis tuberosa oder Cymbiola nobilis vorgegeben hat. Sie alle, Tritonshorn, Nautilus und Krabbenschere, werden schließlich zu Hauptakteuren auf einer nächtlichen Bühne, auf der Hans Niklaus aus scheuer Ferne zusehen darf, um schließlich zu gestehen: „Was die Schönheit ist – ich weiß es nicht.“
Jo Niklaus lädt zum genauen Hinsehen ein. Sie macht neugierig auf die winzige Schrift auf der Postkarte, die wie zufällig an einer Tür steckt. Man ist versucht auszuprobieren, ob sich das Klebeband an der Banknote von der Wand lösen lässt, oder ob die Scherben einer zerbrochenen Glasscheibe in einem Bilderrahmen nicht doch kantenscharf sind.
Alles ist Illusion, weil gemalt, und damit letztlich wieder Realität und wirft die Frage auf, woran soll man sich tatsächlich halten? Denn, um das Höhlengleichnis bei Platon zu bemühen, Schatten können ein ganzes Leben lang als Wirklichkeit dienen, und man merkt es nicht. Bei Jo Niklaus wird man hingegen darauf hingewiesen, dass ihre Bilder Abbilder von Abbildern sind, auch wenn man es dank der technischen Fertigkeit dieser Malerin erst auf den zweiten Blick wirklich wahrhaben will.