Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Das Gesamtkunstwerk wieder ins Gespräch gebracht

Utopie oder Weltverbesserung?

Wenn Richard Wagner vom Gesamtkunstwerk geträumt hat, dann spürt man einen Hauch davon in seinen Opern oder in den Folgeprodukten seiner sagenschwangeren Romantik wie Schloss Neuschwanstein, zu dessen Errichtung er den schwermütigen Ludwig II. angestiftet hat; immer mit dem hehren Postulat einer Verbindung von Architektur, Malerei, Musik, Schauspiel, Tanz und Dichtung. Das Wort Gesamtkunstwerk ist geblieben, seine Bedeutung hat sich jedoch gewandelt, besser gesagt, es wurde zum freien Begriff.

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r.g.o.: Ausstellungsansicht, 2012 (Display Esther Stocker) © Belvedere, Wien / Foto: Roland Unger

r.o.: Helga Philipp, Kinetisches Objekt und Sitzmöbel, 1970, Leben mit Kunst, Möbelhaus Ertl, Graz, Nachlass Helga Philipp, Foto © Michael Leischner

r.u.: Hermann Nitsch Schüttbild der 40. Malaktion, 1997 200 x 300 cm Courtesy Atelier Hermann Nitsch © VBK, Wien 2012

 l.o.: Thomas Hirschhorn Tool Family, 2007, Holz, Karton, Podest, Schaufensterpuppen, braunes und transparentes Klebeband, verschiedene Werkzeuge, vergrößerte, Werkzeuge, vergrößertes Buch, gelbe Transparentfolie, Drucke, integrierter Text, 290 × 290 × 290 cm Courtesy des Künstlers und ARNDT Berlin © VBK Wien, 2012, Foto: Bernd Borchardt

l.u.: Paul McCarthy Basement Bunker: Painting Queens in the Red Carpet Hall 3, 2003 Foto, Cibachrome auf Aluminium , 183 × 122 cm Belvedere, Wien (Dauerleihgabe Wolfgang Anselmino) Foto: Ann-Marie Rounkle

Leiste: Jason Rhoades Mi Saga, U Saga (Emmanuelle Saga), 2005 Multimedia-Installation: Emmanuelle Flatwork, Perfect World Bench (polierte Aluminiumrohre, Beton), Neon, Luster, Aluminiumrohre, Klemmen, Lautsprecher, Wailing Wall (Metalltisch, Fiberglas Kamelzehe, Plastik, PeaRoeFoam, Neon, Plexiglas, elektrische Leitung), Buch (1724 Birth of the Cunt, 2004) 360 × 370 × 420 cm Thyssen-Bornemisza Art Contemporary, Wien Foto © Landesmuseum Joanneum/ Niki Lackner

Je nach Weltanschauung kann das Gesamtkunstwerk seither mit Sinn gefüllt oder nach eigenem Gutdünken interpretiert werden, ähnlich dem Ausdruck Kunst selbst, der als solcher längst jede Verbindlichkeit eingebüßt hat. Alles kann als Kunst bezeichnet werden wie mit dem gleichen Recht jeder diesbezüglichen Äußerung die Eigenschaft Kunst abgesprochen werden kann. Kurt Schwitters, standhafter DADAist, hat es auf den Punkt gebracht: „Die höchste Form der Kunst ist das Gesamtkunstwerk, in dem die Grenzen zwischen Kunst und Nichtkunst aufgehoben sind.“

 

In diesem Sinn hat sich auch das 21er Haus des Gesamtkunstwerks bemächtigt. Die beiden Kuratoren Bettina Steinbrügge und Harald Krejci haben anhand von über 50 nationalen und internationalen Positionen der Kunst nach 1950 versucht, „auszuloten, was das Gesamtkunstwerk heute noch sein kann – in Zeiten von Fragmentierung, wo eigentlich alles verfällt und man das Gegenteil vom Ganzen hat.“

Als Verständnishilfe wurde allerdings wieder eine Grenze gezogen. Sie trennt nun nicht mehr Kunst und Nichtkunst, sondern – laut Ausstellung – Kunst und Leben. So ist der idealisierte Wunsch nach einer Gesellschaft, die lebenswerter als die derzeitige ist, Thema etlicher Arbeiten, oder die Sehnsucht nach einer besseren Welt, mit dem Künstler als deren Botschafter. Vorausgesetzt wird lediglich eine als Grenzübertritt deklarierte Idee auf dem Weg zur Utopie Gesamtkunstwerk.

 

„Schöne Aussichten!“ zur Eröffnung des 21er Hauses

„Wild Cube“

für die Kunst unserer Zeit

Es ist also fertig gestellt, das 21er Haus, das sich momentan als einziges fertiges Gebäude im weiteren Umkreis des (abgerissenen) Südbahnhofes auszeichnet. Wien und damit ganz Österreich hat ein neues Museum der Gegenwartskunst erhalten. Entsprechend staatstragend wurde dem 21er Haus von Marcus Geiger der rote Teppich ausgerollt, besser gesagt, das ganze Gebäude wurde mit riesigen Fahnen und Teppichen drapiert, bzw. teilverhüllt.

Fritz Wotruba: Torso

Lucio Fontana: Struttura al neon per la IX Triennale di Milano 1951/2011

Marcus Geiger: Triicoflagg (Sondereinfärbung im "Belvedere-Rot")

Die übrigen künstlerischen Beiträge zur Weihe des Hauses stammen u.a. von Franz West (er setzt in den von Sonnenlicht durchfluteten Räumen auf die besonderen Qualitäten des Mondlichtes), Peter Kogler mit einer Installation zu Künstlerporträts, Andrea Fraser (sie präsentiert eine überdreht-hysterische Museumsführung) und Lucio Fontana. Seine Neonskulptur Struttura al neon per la IX Triennale di Milano öffnet den Raum für die vierte Dimension der Architektur.

 

Der „Wild Cube“ stammt von Lois Weinberger, der diesen der gängigen Präsentation im gängigen White Cube entgegensetzt. Auch das 21er Haus könnte ein Wild Cube sein, ein Platz, wo mit der Kunst des 21. Jahrhunderts die Post abgeht. Aber stattdessen hält man sich an das gute alte 20er Haus aus 1962 – nicht nur architektonisch Rücksichten statt Aussichten; und daran sind nicht zuletzt die oben erwähnten etwas ältlich wirkenden Eröffnungsbeiträge schuld.

museum in prograss/Peter Kogler

Dass Aktualität der Kunst nichts mit den Jahren ihrer Entstehung zu tun hat, beweist Fritz Wotruba (1907-1975). Nach 1945 prägte er als Künstler und Lehrer die österreichische Bildhauerei. 1963 wurde seine erste große Retrospektive im Museum für das 20. Jahrhundert gezeigt. Wie selbstverständlich ist er auch ins 21er Haus eingezogen, wo sein künstlerischer Nachlass (u.a. 500 Arbeiten aus Stein, Bronze und Gips) in dauernden und temporären Ausstellungen präsentiert wird.

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